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AUSSTELLUNGSPROJEKT


AM ANFANG SCHUF GOTT HIMMEL UND ERDE

GALIZISCH JÜDISCHES MUSEUM und GALIZISCH JÜDISCHE STIFTUNG KRAKÓW
unter der Schirmherrschaft des Deutschen Generalkonsulats Kraków



In meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter Kommunikationssysteme. Sie umfassen Zeichensysteme von der vorgeschichtlichen Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutungen.

Bis zur großen Auswanderungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA lebten 90% der jüdischen Weltbevölkerung in Europa. Die Mehrheit davon war in Polen beheimatet. Seit dem 11. Jahrhundert gab es hier Juden. Im 14. Jahrhundert kam eine große Flüchtlingswelle nach Polen, ausgelöst durch Pogrome in Spanien, Deutschland, Österreich und Böhmen während der Pestwellen. König Kasimir der Große (Kazimierz Wielki) ließ ihre Ansiedlung zu und stattet sie mit Privilegien aus. So wurde Polen zum Zentrum der jüdischen Diaspora. Viele wichtige Beiträge jüdischer Gelehrter aus Polen zu religiösen und rechtlichen Fragen wie auch zu literarischen und künstlerischen Strömungen, aber auch die Bildung von politischen Bewegungen des Judentums kamen von hier. Während des Holocaust wurden 90% der jüdischen Bevölkerung aus ihrer Heimat vertrieben und ermordet.

Ein Zentrum jüdischen Lebens in Polen war Galizien, eine Provinz Österreich seit der Annexion 1772-1795. Die Provinzhauptstadt war Lemberg, das heutige L'viv in der Ukraine. Galizien ging 1918 in dem wiedergegründeten Polen auf. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde das Territorium des ehemaligen Galiziens zwischen Polen und der Sowjetunion (Ukraine) geteilt.

Kraków war von 1320-1609 Polens Residenz- und Krönungsstadt. Nach der Annexion durch Österreich wurde es die zweitwichtigste Stadt Galizien. Juden lebten hier bereits im 13. Jahrhundert. Kasimir der Große ließ Juden unterhalb der Königsburg (Wawel) siedeln. Sie sollten zur Entwicklung des Handels und der Finanzwirtschaft des Landes beitragen. Im 15. Jahrhundert aus Kraków vertrieben und siedelten sich in Kazimierz an. In dieser, nach ihrem Gründer Kasimir dem Großen benannten Stadt lebten seit dem 14. Jahrhundert Juden. Als sie Ende des 18. Jahrhundert ihre Handelsprivilegien in Kraków verloren, begann ihre breite wirtschaftliche Tätigkeit in Kazimierz. Seit 1867 ist es ein Stadtteil von Kraków und wandelte sich von da an bis ins beginnende 20. Jahrhundert zu einem typischen jüdischen Viertel. Zu Beginn des 2. Weltkrieges lebten in Kraków 64000 Juden, circa 25% der Gesamtbevölkerung. Im 2. Weltkrieg wurde Kraków zum Sitz der Verwaltung des "Generalgouvernements Polen". 1940 musten rund 48000 Juden Kraków verlassen. Die übrigen wurden nach Plaszów, ins Krakówer Ghetto, umgesiedelt. Am 13. und 14. März 1942 wurde das Krakówer Ghetto liquidiert. Arbeitsfähige Bewohner kamen ins Konzentrationslager im Stadtteil Plaszów, die anderen ins Konzentrationslager Auschwitz. Damit wurde jüdisches Leben und jüdische Kultur in Kraków nach 700 Jahren nahezu vollständig ausgelöscht. Jedoch haben Zeugen dieses einmaligen städtebaulichen Komplexes einer einstigen jüdischen Stadt bis heute in großer Zahl überdauert.

Die Galizische Jüdische Stiftung mit dem Galizisch Jüdischen Museum liegen im Herzen von Kazimierz. In der unmittelbaren Nähe befinden sich die Alte Synagoge (älteste in Polen erhaltene Synagoge), die Popper-Synagoge und die Remul-Synagoge mit dem alten jüdischen Friedhof. Die Stiftung mit Museum wurde 2004 gegründet. Ihre Aufgaben sind es, den Opfern des Holocaust zu gedenken, die Spuren der jüdischen Vergangenheit Galiziens zu zeigen sowie jüdische Kultur lebendig zu erhalten. Ich zeige im Galizisch Jüdischen Museum meine Serie von Arbeiten zur Hebräischen Quadratschrift. Die Arbeit des raumbezogenen Projektes basiert auf der Hebräischen Quadratschrift. Diese Schrift besteht aus 22 Buchstaben und ist eine der ältesten Schriften der Welt, abgeleitet vom phönizischen Alphabet. Sie ist eine Heilige Schrift. Laut rabbinischer Überlieferung schrieb Jahve seine Gebote mit schwarzem Feuer auf weißes Feuer, das in seinem Schoß lag. Versinnbildlicht ist das bis heute durch das rituelle Schreiben der Thorarolle (die Fünf Bücher Moses) und der heiligen Bücher mit schwarzer Quadratschrift (schwarzes Feuer) auf weißer Pergamenthaut von koscheren Tieren (weißes Feuer). Erst durch die Vereinigung von beidem entstehen Jahves Gebote und dadurch Jahve selbst. Damit wird den Buchstaben der Quadratschrift große schöpferische Kraft verliehen. Jahve schuf mit seinem Wort Himmel und Erde. Wenn ein gläubiger Jude einen Buchstaben dieser Schrift ausspricht, weckt er damit dessen göttlichen Funken, welcher zurückkehrt in das himmlische Zentrum/Jahve, wo dieser Funke hervorgebracht wurde. Die Werkgruppe zur Hebräischen Quadratschrift besteht aus 22 quadratischen Einzelblättern in der Größe von je 70 x 70 cm. Der Untergrund ist Papier, das weiße Lasuren über Farbschichten aus Gelb, Rot und Grau trägt. Dabei liegt dem weißen Untergrund der Gedanke an das obengenannte weiße Feuer zugrunde. Weiterhin spiegelt der weißliche Untergrund mit seinen Gelb-, Rot- und Grauschattierungen die Wüste wieder. Diese umgibt das Volk Israel von seinen Anfängern bis heute. Weiß ist deshalb auch das Tischtuch am Sabbat. Es erinnert an das an diesem Tag vom Himmel auf die Wüste gefallene Manna. Die abgewandelten und veränderten Buchstaben der Quadratschrift erscheinen auf dem weißen Untergrund in der Farbe Blau. Laut eines alttestamentarischen Gebotes (4. Moses, Kap. 15, Vers 38–41) soll an den vier Ecken der antiken jüdischen Gewänder eine Quaste (Zizith) angebracht werden. Diese Quasten bestehen aus Schaufäden. Einer dieser Fäden muß die Farbe Blau haben. Sooft der Gläubige diese Quasten ansieht, soll er an die Gebote Jahves denken und sie befolgen. Heute ist das Blau in den Quasten verlorengegangen. Das antike Gewand verwandelte sich in einen Gebetsschal (Tallit) mit vier weißen Quasten an den Ecken. Trotzdem blieb die religiöse Bedeutung der Farbe Blau als Inbegriff der jüdischen Farbe erhalten, die Farbe der Göttlichkeit und des Gleichgewichts zwischen Schwarz und Weiß, Tag und Nacht, Höhe und Tiefe. Der Titel der Ausstellung lautet wie die erste Zeile der Thora (Genesis Kap. 1, Vers 1)

ERSTE ZEILE DER THORA
(Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde).

Ein wichtiger Teil jüdischen Lebens ist Religiosität. Sie bestimmt nahezu alle Lebensbereiche eines gläubigen Juden. Wichtiger Bestandteil dieser Religiosität sind Schriftzeichen. Vier Schriftzeichen JHWH sind die einzige Möglichkeit, Gott im Judentum darzustellen, bedingt durch das biblische Fremdgötterverbot konkretisiert im Bildverbot des eigenen Gottes: Jahve offenbarte sich im Wort. Die in meiner Arbeit verwendeten Schriftzeichen und Farben sind unter anderem zu finden in der Thora und im Tallit als Zeichen religiöser Gedanken und ritueller Handlungen. In Kazimierz ist durch die Auswirkungen des Holocaust davon kaum noch etwas "am Leben". Von den heute noch existierenden elf Synagogen und Bethäusern in Kraków wird nur noch eine Synagoge zur Glaubensausübung genutzt. Mit meinem Projekt "AM ANFANG SCHUF GOTT HIMMEL UND ERDE" möchte ich einen Teil zur Rückbesinnung auf die große jüdische Tradition in Kraków, Polen und Europa beitragen.

Johannes Senf                                                                                                                                                                                                Köln 2009
HEBRÄISCHE QUADRATSCHRIFT
HEBRÄISCHE QUADRATSCHRIFT
1996; Kremepigmente, Acrylat, Archesbütten; 22teilig, je 71 x 71 cm
AM ANFANG SCHUF GOTT HIMMEL UND ERDE

Johannes Senf

Eines unserer Ziele als Jüdisches Museum ist die Präsentation von Ausstellungen zeitgenössischer jüdischer und jüdisch-verwandter Kunst. Verschiedenste Ausstellungen, wie fotografische oder historisch-didaktische Ausstellungen, holen wir in unser Museum oder konzipieren diese selbst. Dabei ist es von besonderer Bedeutung, die Werke zeitgenössischer, lebender Künstler zu zeigen. Sie sind der Beweis dafür, daß die jüdische Kultur ein fortdauernder, dynamischer Prozess ist und nicht etwas, das lediglich Historiker von Interesse ist. Letztlich sind es die Vitalität und Vielfalt der jüdischen Kultur, die Einrichtungen wie die unsere rechtfertigen. In den vergangenen Jahren hatten wir das Privileg, einige solcher Ausstellungen präsentieren zu dürfen. Es waren die Gemäldesammlung von Benet Haughton, zeitgenössische jüdische Papierschnitte der Krakauer Künstlerin Marta Gołáb, eine Installation der amerikanischen Künstlerin Fay Grajower und nun präsentieren wir etwas gänzlich anderes: konzeptionelle Arbeiten von Johannes Senf.

Johannes Senf widmet sich in seiner Arbeit den in abstrakten Kommunikationssystemen verwendeten Zeichen. In den letzten Jahren schuf er zahlreiche Projekte, die solche Zeichen zum Gegenstand hatten wie prähistorischer Felszeichnungen bis hin zu den digital verarbeiteten Daten. Der modus operandi des Künstlers ist immer gleich. Ausgehend von den grafischen Eigenschaften bestimmter Zeichen, die er häufig gar nicht lesen oder verstehen kann, macht er sich mit diesen durch ausführliche Recherche vertraut. Er zerlegt sie und zeichnet sie wieder auf in ihrer hinlänglichsten, minimalen Darstellungsform. So schafft Senf tatsächlich eine Grundlage für Vergleiche zwischen Zeichen, die völlig unterschiedlichen Systemen entstammen. Eins dieser Projekte widmet sich der hebräischen Schrift widmet, einem der ältesten noch verwendeten Alphabete der Welt.

Entstanden ist dieses Projekt ursprünglich für die ehemalige Synagoge in OERLINGHAUSEN, die in einen Ausstellungsraum des örtlichen Kunstvereins umgewandelt wurde. Dort sollte es gezeigt werden. Durch die Wahl der hebräischen Sprache für seine Arbeit stellte Johannes Senf eine Verbindung zwischen dem Projekt und dem Ort her. Einst ein Ort, an dem Menschen sich trafen und die Schrift studierten. Hier liegt ein Schwerpunkt der Arbeit des Künstlers. Seine Projekte sind stets konzeptionell mit dem spezifischen Schauplatz eng verbunden, beispielsweise als er eingeladen war, seine Werke während der Photokina in Köln zu zeigen. Dort erstellte er eine Installation auf der Basis von Zeichen, die zur Kennzeichnung fotografischer Ausrüstung verwendet werden. Er schuf so eine Verbindung zwischen der Kunst, dem Ort und dem Anlass.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ist auf vielen verschiedenen Ebenen zu lesen. Dies lässt sich auf die reinen visuellen Qualitäten beschränken es sind einfache, feine, ästhetische Grafiken, die den Blick auf sich ziehen. Doch hinter diesen Werken steht darüber hinaus ein gewisses Konzept, eine Geschichte und viele Stunden Recherche. Diese Geschichte kennenzulernen, die Ergebnisse der Recherche zu sehen bietet Antwort auf fundamentale Fragen wie: Warum ist der Hintergrund weißlich? Oder: Warum erscheinen die Buchstaben eigentlich in Blau? Schließlich gibt es die Expertenebene, manche Betrachter werden bestimmte hebräische Buchstaben sofort erkennen, die verwandelte Formen und Wege der Dekonstruktion ursprünglicher Zeichen diskutieren können. Ich denke, alle diese Annäherungsweisen sind gleich wertvoll.

Während der Installierung seiner Werke sprach ich mit Johannes Senf über das allseits angekündigte Ende des Schriftzeitalters. Philosophen, Soziologen und Anthropologen bezeichnen diese "Bildwende", als eine visuelle Kulturwende. Sollte dies wirklich der Fall sein, so könnte sich Johannes Senf als Chronist dieses vergehenden Zeitalters erweisen. Seine Werke könnten zu einer Bibliothek vergessener Zeichen werden.

Tomasz Strug (Ausstellungs- und Veranstaltungsmanager des Galicisch Jüdischen Museums Kraków)                   Kraków 2010

                                                                                                      übersetz aus dem Englischen durch das Übersetzungsbüro Denzig Köln
AUSTELLUNG JÜDISCH GALIZISCHES MUSEUM KRAKÒW
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