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AUSSTELLUNGSPROJEKT


DISPUTATIO

  
18. KUNSTRAUM KEMPEN im STÄDTISCHES KRAMER-MUSEUM, KEMPEN



In meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter Kommunikationssysteme. Diese stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Sie reichen von vorgeschichtlichen Felszeichnungen bis zur modernen elektronischen Datenverarbeitung. Die grafische Qualität der Zeichen steht dabei für mich im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutung.

Das folgende Ausstellungsprojekt möchte ich im ehemaligen Franziskanerkloster in Kempen verwirklichen. Das Kloster wurde im Zuge der Gegenreformation 1627 gegründet und 1802 aufgelöst. Heute dient es als städtisches Museum und als Museum für Niederrheinische Sakralkunst. In den Museumsräumen befindet sich ebenfalls ein Ausstellungsraum für Gegenwartskunst, der "Kunstraum Kempen". Im ehemaligen Kloster hatte dieser heutige Kunstraum die Funktion eines Parlatoriums, dem Sprechzimmer für Besucher.

Vertreter der fünf großen Weltreligionen befinden sich seit einigen Jahren im Gespräch miteinander. Dies möchte ich zum Thema meines Projektes machen, beschrieben durch den Titel des Projektes DISPUTATIO (wissenschaftliches Gespräch).


Eines der heiligsten Zeichen des Hinduismus ist ein Sprachzeichen: die Silbe OM. Sie ist das Zeichen für Brahma, den Unaussprechlichen. Die Silbe symbolisiert den Urlaut der Schöpfung, das Licht der Weisheit und der Erkenntnis, des Unerschaffenen und Ewigen. Sie stellt Kontakt zwischen Verehrtem und Verehrenden her.Jede der fünf großen Weltreligionen hat ihre eigenes Zeichen. Durch diese Zeichen werden sie selbst und ihre Ideen symbolisiert. Unter ihnen versammeln sich weltweit ihre jeweiligen Anhänger.
   Eines der Ursymbole des Buddhismus ist das RAD. Es stammt aus der nichtikonografischen Zeit des Buddhismus, es ist Sinnbild für die Lehre Buddhas. Er setzte mit seiner ersten Rede "das Rad der Lehre" in Bewegung. Das Rad ohne Anfang und Ende zeigt die Vollkommenheit und die Vollständigkeit der Lehre Buddhas. Es ist aber auch Zeichen des Daseins und des ewigen Kreislaufs des Lebens, das durch die Lehre überwunden wird.
    Das älteste und höchste Zeichen der jüdischen Religion ist der MENORAN. Der siebenarmige Leuchter. Sein Ursprung ist der altorientalische Lebensbaum. Dieser Leuchter symbolisiert das ewige Licht Gottes im Universum. Seine sieben Arme bezeichnen die damals bekannten sieben Planeten. Er ist Sinnbild des Logos und der göttlichen Weisheit.
   Die verschiedenen KREUZZEICHEN symbolisieren seit dem 4. Jahrhundert das Christentum. Sie stehen für das Heilsopfer Christus sowie für die Weltherrschaft. Sie sind Zeichen der Auferstehung, der Überwindung des Todes, der Heilsgegenwart und Zeichen der Heilshoffnung.
   Das bekannteste Symbol für den Islam ist der HALBMOND. Im Abendland war dieses Zeichen ab dem 16. Jahrhundert Symbol für die islamische Welt. Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Halbmond offiziell Symbol des Osmanischen Reiches und damit zum Zeichen der islamischen Welt. Die Sichel des neuen Mondes ist Zeichen des islamischen Glaubens und deutet das Ende der Fastenzeit an. Auf der offenen Seite der Sichel steht die Venus, der Morgenstern. Ihre fünf Zacken symbolisieren die fünf Säulen des Islam.
    Alle fünf Zeichen werden für mein Projekt von mir interpretiert, umgeformt und auf ein einheitliches Papierformat von 70 x 70 cm übertragen. Die Zeichen stehen in der für die jeweilige Religion heiligen Farbe auf weißem Grund. Die Farbe Weiß spielt in allen Religionen eine zentrale Rolle als Sinnbild für das göttliche Licht.

Für mein Projekt DISPUTATIO habe ich aus jeder der fünf Weltreligionen ein Hauptzeichen ausgewählt. Dieses Zeichen steht stellvertretend für die jeweilige Religion und deren Inhalte. Durch die Hängung der Zeichen im Parlatorium eines ehemaligen Klosters treten sie – gleichsam über die Betrachter – in Kontakt und gehen miteinander eine Beziehung ein. Das ist mit einem Gespräch zu vergleichen. Die Kommunikation mit einem fremden Gegenüber kann zu einer Annäherung und zu einem Verständnis der "anderen Welt" führen. Dies ist grundlegend notwendig, um Toleranz zu üben in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt.

Johannes Senf                                                                                                                                                                                                Köln 1998
ZEICHEN DER WELTRELIGIONEN
WELTRELIGIONEN
1999; Kremepigmente, Acrylat, Archesbütten; 5teilig, je 70 x 70 cm
BILDWERDUNG DER ZEICHEN

 zur Ausstellung "Disputato" von Johannes Senf



Die künstlerische Arbeit von Johannes Senf konzentriert sich, wie er selbst schreibt, auf das "Untersuchen und Vergleichen von Zeichen abstrakter Kommunikationssysteme". Was zunächst an semiotische, wissenschaftliche Forschung denken läßt, besteht jedoch vor allem in einem graphisch-malerischen, und damit in erster Linie visuell fundierten Prozeß der Transformation von Zeichen in Bilder. In einem geradezu enzyklopädisch anmutenden, langfristig angelegten künstlerischen Programm übersetzt Johannes Senf visuelle Zeichen aus unterschiedlichsten kulturellen, wissenschaftlichen oder technischen Zusammenhängen in ein einheitliches bildnerisches System. Durch diesen Vorgang werden die Zeichen nicht nur formal geklärt und auf ihre essentielle Struktur zurückgeführt, sondern auch in ihrem Status verändert: Das Zeichenhafte erweitert sich zum Bildhaften. Obwohl es seinen ursprünglichen Bedeutungscharakter nicht verliert, entfaltet das Zeichen durch die Bildwerdung auch rein graphische, in seiner jeweiligen Gestalt angelegte visuelle Qualitäten. Dieser Aspekt rückt ins Zentrum der Betrachtung, weil die Zeichen durch das einheitliche graphische "Design" auf eine neutrale Ebene der Vergleichbarkeit gehoben werden und sich allein durch den Verlauf ihrer Linien und durch ihre, aus dem inhaltlichen Kontext abgeleitete, Farbigkeit unterscheiden. Die Arbeit "Disputatio", die sich auf Zeichen der fünf Weltreligionen bezieht, weist in dieser Hinsicht eine besondere formale und farbliche Vielfalt auf, – eine Vielfalt, in der sich nicht zuletzt auch die Unterschiedlichkeit der hinter den Zeichen stehenden religiösen Kulturen ausprägt.

Es ist bemerkenswert, daß Johannes Senf bei aller konzeptionellen Strenge und übergreifenden Systematik seiner Vorgehensweise immer auch den möglichst engen inhaltlichen Bezug zum jeweiligen Ausstellungsort sucht, sei es, daß er in der ehemaligen Produktionshalle einer Kölner Kabelfabrik die alchemistischen Zeichen des Elementes Kupfer abbildete oder daß er in einem Fotofachlabor die spezielle Zeichenwelt der Fototechnik zum Ausgangspunkt nahm.

Die besondere, sakral geprägte Geschichte des "Kunstraums Kempen", der sich in einem ehemaligen Franziskanerkloster befindet, inspirierte Johannes Senf dazu, über das Medium des Zeichens die symbolische Situation eines gleichberechtigten Dialoges zwischen den fünf Weltreligionen herzustellen. Die Arbeit knüpft damit an die ursprüngliche kommunikative Funktion des Raumes an: Im Klosteralltag diente das "Parlatorium" als Sprechzimmer für Besucher.

Johannes Senf inszeniert mit den gleichmäßig im Raum gehängten, auf gleich großem quadratischem Papier gemalten Zeichen eine imaginäre Zusammenkunft der Weltreligionen. Jedes Zeichen ist die visuelle Formel für einen unabsehbar weiten Kosmos religiöser Überzeugungen, Überlieferungen und Traditionen. Doch nicht nur religiöse Konnotationen sind in den Arbeiten angelegt. Indem Senf die Zeichen auf ihre abstrakte Grundstruktur reduziert, werden sie vieldeutig und lassen unterschiedliche Lesarten zu. So kann das christliche Kreuz in seiner symmetrisch-zentralisierten Gestalt auch als Plus-Zeichen oder als abstrakte, geometrische Komposition gelesen werden. Ebenso lassen sich das buddhistische "Rad der Lehre", der jüdische siebenarmige Leuchter, die im Hinduismus heilige Silbe "Om" und der islamische Halbmond mit Stern von ihrem religiösen Bezug auch ablösen und abstrakt wahrnehmen.

Es gehört zum besonderen "genius loci" dieses ehemaligen Parlatoriums, daß in ihm Johannes Senfs erhaben-nüchterne Zeichenbilder nicht nur von menschlichen Augen, sondern gewissermaßen auch von höherer Warte betrachtet werden. Über dem Eingang blickt ein in Stuck gearbeitetes "Auge Gottes" auf die Versammlung und erscheint wie eine suggestive, historische Variante eines bildgewordenen religiösen Zeichens.

Thomas von Taschitzki                                                                                                                                                                  Köln/Weimar 1999
AUSTELLUNG MUSEUM KEMPEN
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