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AUSSTELLUNGSPROJEKT


"GLEIMII ET AMICORUM"
zum Gleimjahr 2003 Halberstadt

KUNSTFORUM e.V. HALBERSTADT
und
LITERATURMUSEUM "DAS GLEIMHAUS" HALBERSTADT



In meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter Kommunikationssysteme. Diese reichen von der vorgeschichtlichen Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutung.

Im Jahre 2003 wird in Halberstadt der 200. Todestag Johann Wilhelm Gleims mit dem "Gleim Jubiläum" begangen. Gleim galt zu seinen Lebzeiten als eine Persönlichkeit in der literarischen Öffentlichkeit Deutschlands. Er hatte einen großen Freundeskreis zu dem viele bedeutende Literaten seiner Zeit wie Lessing, Wieland, Herder, Kleist, Schlegel, Klopstock und andere gehörten. Aus diesen freundschaftlichen Beziehungen sind mehr als 1000 Briefe erhalten geblieben. Gleim war sein Leben lang ein Förderer der "schönen Künste" in dem er jungen Autoren den Druck ihrer Texte finanzierte oder sie in seinem Haus ungestört arbeiten ließ. Er schrieb aber auch selbst literarische Texte oder verfaßte Rezeptionen literarischer Werke. Wer etwas aufbewahrt wissen wollte, sandte es an ihn. So entstand ein großes Archiv mit Briefen, Manuskripten, handschriftlichen Zeugnissen, autobiographischen Schriften oder amtlichen Schreiben. Er sammelte aber auch antiquarische und neue Bücher. Seine umfangreiche Bibliothek war zu seinen Lebzeiten und ist über seinen Tod hinaus der Öffentlichkeit zugänglich.

Das literarische Wirken Gleims soll das Thema meines Ausstellungsprojektes für das Gleimjahr in Halberstadt sein. Seine Ideen, Gedanken, Beurteilungen und Kontakte sind uns bis heute in Schriften, Texten und Büchern erhalten geblieben. Schriftstücke und vor allem das Buch stehen damit als Vermittler zwischen seinem schöpferischen Geist und dem Leser. So bildet das Buch die Grundlage für mein Ausstellungsprojekt. Ein Teilschritt bei der Herstellung von Büchern ist dabei für mich von besonderem Interesse. Nach dem Setzen des Manuskriptes und dem Andruck erfolgt das Korrekturlesen. Es wird oft durch den Autor selbst vorgenommen. Dabei bedient sich der Korrigierende eines internationalen Zeichensystems, der Korrekturschrift. Sie wird ungefähr seit dem 16. Jahrhundert verwendet. Es bestanden verschiedene, leicht voneinander abweichende Systeme bis ins 19. Jahrhundert hinein. Am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte die Normierung zur heutigen Form. Die Korrekturschrift steht somit zwischen dem Manuskript, dem Originalgedanken des Autors und dem Buch, dem Endprodukt.

35 Zeichen aus dem System der Korrekturschrift habe ich für mein Ausstellungsprojekt in Halberstadt ausgewählt. Die Zeichen werden von mir interpretiert, umgeformt und auf ein einheitliches Papierformat von 29 x 29 cm übertragen. Die bearbeiteten Zeichen stehen in roter Farbe auf weißem Grund. Rot steht dabei für die meist in Rot ausgeführte Korrektur und Weiß für das Papier des Buches. Ein Schriftzug in Gleims Exlibris "GLEIMII ET AMICORUM" ([Bibliothek] Gleims und der [seiner] Freunde) habe ich als Titel der Ausstellung gewählt. Es ist in den Büchern seiner Bibliothek zu finden.

Als Sammler und Mäzen hinterließ Gleim nicht nur eine umfangreiche Bibliothek, sondern finanzierte auch den Druck von Büchern. Ein wichtiger Teil seines Lebenswerks war somit die Bewahrung und die Weitergabe von Gedanken und Ideen. Mit meinem Ausstellungsprojekt "GLEIMII ET AMICORUM" im Kunsthof Vogtei des Kunstforums Halberstadt möchte ich an diese Seite Gleims erinnern. Dies gibt dem Gleim Jubiläum 2003 in Halberstadt einen weiteren Akzent. Die Besucher des Jubiläums bekommen so die Möglichkeit neben der gängigen germanistischen auch eine bildnerische Sicht auf Gleims Wirken zu finden.

Johannes Senf                                                                                                                                                                                                Köln 2002
DEUTSCHE KORREKTURSCHRIFT
DEUTSCHE KORREKTURSCHRIFT
2001; Kremepigmente, Acrylat, Cansonbütten; 35teilig, je 29 x 29 cm

JOHANNES SENF, GLEIMII ET AMICORUM

Eine Ausstellung zum Gleimjubiläum in Halberstadt 2003



Das Interesse war groß im Herbst des letzten Jahres, als ein Vorstandsmitglied vom Kunstforum Halberstadt im Gleimhaus vorstellig wurde: Ein moderner Künstler hatte sich durch den Schriftsteller Gleim zu einem Kunstwerk inspirieren lassen! Daß sich Wissenschaftler mit ihm beschäftigen, ist selbstverständlich, ebenso, daß ihn die kulturinteressierten Halberstädter schon lange kennen, Gäste in unserer Stadt ihn mehr und mehr entdecken und er auch Kindern und Jugendlichen leicht nahegebracht werden kann – aber unser Dichter und Sammler als Inspirationsquelle für einen bildenden Künstler, daß ist nicht alltäglich.

Der 1961 in Thüringen geborene und heute in Köln lebende Künstler Johannes Senf ist dabei nicht von der Sammlung ausgegangen, sondern zunächst näher an die Person Gleim selbst herangetreten. Darum sei die Biographie des Dichters hier in aller Kürze wiedergegeben: Johann Wilhelm Ludwig Gleim wurde 1719 in Ermsleben geboren, studierte Jura in Halle – interessierte sich dort aber schon mehr für die Literatur – und erhielt nach einigen beruflichen Intermezzi 1747 die Anstellung als Domsekretär in Halberstadt. Mit einem festen Einkommen versorgt, konnte er seine Sammelleidenschaft und seine Freundschaftsvision Realität werden lassen: Bilder, Bücher und Briefe in großer Fülle kamen im Laufe der Jahre im Haus hinter dem Dom zusammen und ebenso vermehrten sich die Kontakte und Freundschaften – so stand Gleim im Laufe seines Lebens mit über 500 Personen im Briefwechsel! Er lebte und sammelte für die Freundschaft, was auch sein Bucheignerzeichen oder Exlibris deutlich macht: Gleimii et amicorum ist hier zu lesen, ganz im aufgeklärten Sinne sollten die Bücher Gleim und den Freunden dienlich sein. Da der Dichter selbst keine Kinder hatte, sollte die Nachwelt von seinen Schätzen profitieren, so daß heute in Halberstadt eines der ältesten Literaturmuseen in Deutschland zu besichtigen und auch zu nutzen ist. 1862, also nicht ganz 60 Jahre nach dem Tode Gleims 1803, öffnete es seine Pforten für die ersten Besucher.

Johannes Senf hat vor allem den Schriftsteller in Gleim gesehen, der seine Gedanken den Freunden im Medium des Buches mitteilen will. Gerade dieser Aspekt mußte ihn interessieren, zielt sein Schaffen doch schon seit einigen Jahren, wie er selbst es sagt, darauf ab, die "Zeichen abstrakter Kommunikationssysteme zu untersuchen und zu vergleichen". So hat er sich, inspiriert durch einen Aufenthalt in Hongkong, mit den Zeichen verschiedener Zeiten und Kulturen beschäftigt. Dies sind in großer Zahl natürlich Schriftzeichen, also Buchstaben, aber auch Zeichen aus anderen Zusammenhängen, zum Beispiel: Religion oder Naturwissenschaft. Zeichen also, die einerseits in einem komplexen Bedeutungszusammenhang stehen, die aber andererseits auch auf ihre abstrakte Form reduziert gesehen werden können. Ein chinesisches Schriftzeichen wird zwangsläufig in Peking anders wahrgenommen als in Halberstadt.

Ein anderes Zeichen-Beispiel soll hier noch genannt sein: Ein aufrecht stehendes Dreieck. Ein solches Dreieck ist zunächst ein ästhetisches Gebilde, daß mit unterschiedlichen Assoziationen wahrgenommen werden kann: Dem einen scheint diese lastende Form große Ruhe auszustrahlen, der andere denkt durch die Spitze motiviert eher an Gefahr. Einen altsprachlichen Gymnasiallehrer mag es an den Großbuchstaben Delta des griechischen Alphabets erinnern, einem christlich aufgewachsenen Betrachter die Dreieinigkeit Gottes vor Augen führen. Ein Kind wird im Dreieck vielleicht ein Dach sehen, zu dem noch die Hauswände ergänzt werden müssen, es sei denn, es lebt in Ägypten und erkennt eine Pyramide. Bei einigen Völkern gilt das aufrechtstehende Dreieck als Symbol des Männlichen (das mit der Spitze abwärts weisende im Gegenzug dann als das Symbol des Weiblichen), einem Freimaurer symbolisiert es die drei Stufen der menschlichen Entwicklung, und – passend zu den Räumen des Kunsthofes, in denen die Familie Schraube über Generationen Textilien verkauft hat, soll diese kleine Auswahl mit folgendem Beispiel enden – in einer Reinigung wüßte man bei einem schlichten Dreieck auf dem Materialzettel sofort: Bleichmittel dürfen verwendet werden!

Kehren wir von der Reise durch die Zeiten und Kulturen mit dem Dreieck zurück zu Gleim. Johannes Senf hat für seine Arbeit zu Gleim aus dem Jahr 2002 nicht die Schriftzeichen des Schriftstellers analysiert, sondern die Korrekturzeichen, die dem Schreiben nachgeordnet auftreten. Sei es, weil sich Fehler in einen Druck eingeschlichen haben, sei es, daß ein Autor beim Wiederlesen seines Textes seine Meinung geändert hat und das Werk nun anders formulieren würde. Mit künstlerischem Scharfsinn hat Johannes Senf damit einen wichtigen Aspekt in Gleims Schaffen markiert: Es ist ihm als Dichter nicht leicht gefallen, sich festzulegen und ein Werk für vollendet zu erklären. Immer wieder glaubte er noch etwas ändern zu müssen oder verbessern zu können. Den Herausgebern seiner Werke machte es Gleim mit diesem Charakterzug nicht leicht. So lesen wir in den Aufzeichnungen seines Großneffen Wilhelm Körte, der seinen Nachlaß verwaltete und seine erste Werkausgabe veranstaltete:

"Alles, was sich in Gleim’s Nachlasse, zu einer Ausgabe seiner sämtlichen Werke vorgefunden hat, bestand:

1) In einer fast vollständigen Sammlung aller gedruckten Poesieen, mit vielen handschriftlichen Veränderungen.

2) In einer Reihe von Neun und Siebenzig Bändchen [...] handschriftlicher Poesieen, von den Jahren 1783-1803; Tagebücher, in welche der Dichter sein täglich Lied nach der zweiten Feile täglich eintrug.

3) In einer unendlichen Menge von handschriftlichen Entwürfen, voller Veränderungen [...]

4) In einer noch größeren Menge von Abschriften , [...] zum Theil mit handschriftlichen Veränderungen. Dieser Stoff zu einer Ausgabe lag überall zerstreut umher, fast jedes Gedichtchen in drei-, vierfacher Handschrift und Abschrift, hier ganz durchgestrichen, dort verbessert, und anderweitig wiederum unverändert beibehalten."

In der umfangreichen Handschriftensammlung des Gleimhauses gibt es unzählige Beispiele solcher Veränderungen und Korrekturen des Dichters.

Korrekturzeichen entwickelten sich seit dem 16. Jahrhundert. Zur Zeit Gleims gab es noch keine festgelegten Zeichen, so daß ein Autor recht frei Berichtigungen eintragen konnte – er mußte nur bedenken, daß seine Korrekturen von anderen auch zu entschlüsseln waren. Zentral ist beim Korrigieren natürlich das Durchstreichen des falsch gedruckten oder zu ändernden Textes, wobei die neue Variante an den Rand geschrieben wird. Zudem finden wir bei Gleim das kleine geschwungene Zeichen für Deleatur, das heißt‚ es möge zerstört werden und stellt somit also auch eine Streichung dar. Am Ende des 19. Jahrhunderts werden die Korrekturzeichen normiert: jeder Duden informiert im vorderen Teil über diese einheitliche Korrekturschrift, die nun in alle offiziellen Korrekturvorgänge Einzug hielt.

35 dieser Zeichen dienten Johannes Senf als Ausgangspunkt: Sie wurden aus dem Zusammenhang gelöst, als Formwert analysiert und in neuer Ordnung arrangiert. Isoliert auf quadratischen, 29 x 29 cm großen, weiß lasierten Papieren angebracht, scheinen sie in strenger waagerechter Reihung vor den Wänden zu schweben. Diese Anordnung der Blätter ist dem Raum angepaßt, im Kölner Atelier des Künstlers waren sie noch anders arrangiert zu sehen – die Formen behalten also die charakteristische Variabilität von Zeichen. In monochromen Rot – der Korrekturfarbe schlechthin, wie jedem aus Schulzeiten sicher hinreichend erinnerlich ist - leuchten die Zeichen dem Betrachter entgegen. Sofern er bereits mit Korrekturen gearbeitet hat, werden ihm einzelne vertraut erscheinen. Wer sie noch nicht praktisch eingesetzt hat, kann vorrangig die ästhetische Seite der Formen auf sich wirken lassen. Vielleicht stellen sich inhaltliche Anknüpfungspunkte her, ändern sich und verschwinden wieder. Die einfachen Zeichen lassen viel Raum für die Gedankenspiele des Betrachters. Er kann sich einlassen auf die vorgegebene Reihenfolge und dem optischen Crescendo der Formen folgen oder aber bevorzugte Motive aus der Reihung herauslösen. Allemal wird er sich abstrakter Kunst gegenüber sehen, die verschiedene Gedankengänge auszulösen vermag. In der Romantik hatte man einst den Versuch unternommen, unterschiedliche Gedankengänge in abstrakten Formen zeichnerisch darzustellen. Der Kreis könnte sich hier also schließen.

Zeitgleich zur Ausstellung der Arbeiten von Johannes Senf im Kunsthof ist sein fünfteiliges Werk "Der Verstand" aus dem Jahr 1999 im Foyer des Gleimhauses zu sehen. Fünf verschiedene Zustände des menschlichen Verstandes werden in charakteristischen Zeichen, diesmal in kühlem Blau, vor Augen geführt: untätig, tätig, handelnd, schöpferisch und gestört. Die Wand neben der Scheibe zur Gleim-Bibliothek, in der die Verstandeswerke großer und kleinerer Geister aufbewahrt werden, bot sich dabei als idealer Ort für die Präsentation an. Das eben angesprochene Dreieck ist auch in dieser Reihe vertreten: Für Johannes Senf vertritt es in dieser Arbeit den schöpferischen Verstand.

Noch eine zweite Arbeit von Johannes Senf ist im Kunsthof zu sehen. Der Künstler setzt sich stets intensiv mit dem Ort auseinander, für den ein Projekt geplant wird. Hier in Halberstadt wurde er dabei nicht nur auf Gleim, sondern auch auf die Fachwerktradition geführt. Halberstadt, das mit seiner Altstadt einmal im Ruf stand, die romantischste Stadt Preußens zu sein, hat durch den Bombenangriff vom 8. April 1945 einen unwiederbringlichen Verlust erlitten. Glücklicherweise aber gibt es noch einige Straßenzüge, unter anderem die Vogtei, in der sich der Kunsthof befindet, die das alte Fachwerk-Halberstadt vor Augen führen. "Wer Gott vertrawet der hat wol gebawet" ist die 31teilige Arbeit nach einem Sinnspruch betitelt. Bei der Beschäftigung mit der Formensprache des Fachwerks stellte der Künstler fest, das es eine Fülle von Zeichen, Sinnbildern und Symbolen gibt, die sich in der Bautradition erhalten haben. Die Zimmerleute, die diese Runen ausführten, sprachen sich mit den Bauherren ab, welches Heils- oder Bittzeichen eingebaut werden sollte. Durch die Jahrhunderte ging das Wissen um diese Zeichen verloren, so daß wir heute Fachwerkornamente wahrnehmen, deren geheime Botschaft uns nicht mehr geläufig ist. Beide Arbeiten sind zwar räumlich getrennt ausgestellt, stehen jedoch durch einen inhaltlichen Bezug in Verbindung: Gleim hat noch in dem alten, idyllischen Halberstadt gelebt und gewirkt: Glücklicherweise blieb das um 1600 erbaute Fachwerkhaus erhalten, so daß seine Sammlung am historischen Ort präsentiert werden kann. Ob Gleim noch Kenntnis hatte von der Sprache der Fachwerk-Zeichen? Dies ist nur eine von vielen Fragen, die die Ausstellung von Johannes Senf aufwirft. Sie verdeutlicht die neue Perspektive, in der vertraute Dinge oder überkommene Ansichten durch das Schaffen zeitgenössischer Künstler erscheinen können, jedem, der sich zum Betrachten und Philosophieren eingeladen fühlt.

Dr. Doris Schumacher (Stellvertretende Direktorin Literaturmuseum "Das Gleimhaus" Halberstadt)                      Halberstadt 2003
AUSTELLUNG KUNSTFORUM HALBERSTADT

Ergänzung der Ausstellung im
LITERATURMUSEUM "DAS GLEIMHAUS"
ZEICHEN ZUM VERSTAND

DER VERSTAND
1999; Kremerpigmente, Acrylat, Cansonbütten; 5teilig, je 29 x 29 cm

AUSTELLUNG LITERATURMUSEUM DAS GLEIMHAUS
AUSSTELLUNGSPROJEKT


WER GOTT VERTRAWET DER HAT WOL GEBAWET


KUNSTFORUM e.V. HALBERSTADT



I n meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter Kommunikationsmittel. Sie umfassen Zeichensysteme von der vorgeschichtlichen Felsmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutungen.

Halberstadt war seit dem Mittelalter eine Stadt in der Handwerk und Gewerbe blühten und reger Handel getrieben wurde. Davon zeugten viele architektonisch reich gestaltete Fachwerkhäuser. Es handelt sich dabei meistens um das mitteldeutsche Fachwerkhaus, das in drei Querzonen aufgeteilt ist und über die mittlere Zone aufgeschlossen wird. Ein großer Teil wurde seit 1945 durch einen Bombenangriff zerstört. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden die noch zahlreich vorhandenen Fachwerkbauten der Unterstadt saniert und rekonstruiert.

Neben den konstruktiven und stilistischen Merkmalen zeigen Fachwerke vielfältige Zeichen, Masken, Sinnbilder, Marken, Symbole, Sinn- und Bibelsprüche. Die heidnische Symbolik der Zeichen, Masken und Marken hat ihren Ursprung im archaisch-germanischen Naturglauben. Das Wissen darum war einerseits verbreitetes Volksgut und lag andererseits bei den Zimmerleuten. Die Zimmerermeister führten die Fachwerkkonstruktionen und Balkenanordnungen in Form von Runen aus. Der bevorzugte Platz dafür war der Bereich um die Haustür, die Wand mit der Haustür, die Giebel oder die vier Eckstander. Dabei wurden die Runen nicht ohne ausdrücklichen Auftrag vom Zimmerermeister ausgeführt, sie wurden zwischen ihm und dem Hauseigentümer genau abgesprochen. Hatten doch die Runen neben ihrer Funktion als Buchstaben eines Alphabets eine weitere Bedeutung als Heils-, Bitt- und Glückszeichen für die Fruchtbarkeit von Feldfrüchten, Tieren und Menschen, für Wohlstand und Erhalt des festen Familienbesitzes. Sie wurden aber nicht in ihre Bedeutung als Buchstaben oder Silben im Fachwerk verwandt.

Die Runen in ihrer Bedeutung als Heils- und Glückszeichen möchte ich in meinem Ausstellungsprojekt aufgreifen. 31 Runenzeichen mit ihren Bedeutungen sind uns bis heute überliefert. Sie sind in unterschiedlichen Formen an allen Fachwerkgebäuden zu finden. Diese 31 Zeichen habe ich für mein Projekt ausgewählt. Sie werden von mir interpretiert, umgeformt und auf ein einheitliches Papierformat von 46 x 46 cm übertragen. Am Ausstellungsort werden sie dann in Reihen oder Blöcken gehängt. Als Titel für die Ausstellung habe ich den Sinnspruch eines Fachwerkhauses aus Duderstadt gewählt.

Ein ansehnlicher Teil von Fachwerkhäusern die den Bombenangriff auf Halberstadt 1945 überstanden haben stehen in der Unterstadt. Hier befindet sich das Kunstforum Halberstadt. Einer der Ausstellungsräume im Kunstforum hat eine Fachwerkwand. Mein Ausstellungsprojekt "WER GOTT VERTRAWET DER HAT WOHL GEBAWET" nimmt Verbindung zu dieser Wand auf und stellt damit einen Bezug zur Halberstädter Fachwerkarchitekur her. Die Fachwerkornamentik wird aufgelöst in ihre Grundelemente die einzeln stehenden Runenzeichen. Dem Besucher der Ausstellung wird so die Möglichkeit gegeben bei einem Gang durch Halberstadt die Zeichensprache des Fachwerks und die damit verbundene Symbolik zu entschlüsseln.

Johannes Senf                                                                                                                                                                                               Köln, 2003
FACHWERKSZEICHEN
FACHWERKORNAMENTIK
2003; Kremepigmente, Acrylat, Cansonbütten; 31teilig, je 46 x 46 cm
AUSSTELLUNG KUNSTFORUM HALBERSTADT
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