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AUSSTELLUNGSPROJEKT


KUPFER


FELTEN & GUILLEAUME AG, KÖLN



In meinen Arbeiten untersuche und vergleiche ich Zeichen abstrakter Kommunikationsmittel. Sie umfassen Zeichensysteme von der vorgeschichtlichen Felsenmalerei bis hin zur heutigen elektronischen Datenverarbeitung. Sie stammen unter anderem aus der Geschichte, der Völkerkunde, der Schriftforschung, den Religionen oder den Naturwissenschaften. Dabei steht die grafische Qualität der Zeichen im Vordergrund und nicht deren philosophische Inhalte oder naturwissenschaftliche Bedeutungen.

Eines der Hauptprodukte des international tätigen Kölner Unternehmens Felten & Guilleaume Energietechnik AG sind Drähte, Starkstromkabel und Kommunikationskabel. Eines der Grundmaterialien dafür sind neben Silber, Gummi und Papier das Metall Kupfer. Mit diesem Metall werde ich mich in diesem Projekt beschäftigen. In einer Art Geheimschrift wurden im Mittelalter von den Alchimisten die alchimistischen Prozesse zum Goldmachen aufgezeichnet. Für diese Aufzeichnungen wurden Symbolbilder verwendet. Durch sie sollten Unwürdige abgeschreckt und in die Irre geführt werden. 37 Symbole, die uns heute in ihren Bedeutungen bekannt sind, stehen dabei für das Element Kupfer. Diese 37 Zeichen habe ich für das Projekt ausgewählt. Sie werden von mir interpretiert, umgeformt und auf ein einheitliches Papierformat von 30 x 30 cm übertragen. Zur Ausstellung werden sie dann in einer ehemaligen Produktionshalle für Kabel auf dem Firmengelände von Felten & Guilleaume installiert.

Die Wahl des Zeichensystems für das Projekt und die Installation der Zeichen in einer nicht mehr genutzten Produktionshalle stellt für die Zeit der Ausstellung eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Die Betrachter werden durch die Zeichen für Kupfer an die ehemalige Produktion von Kupfer in dieser Halle erinnert. Ihnen wird für eine kurze Zeit eine neue Nutzungsform der Halle vorgestellt. Somit ist dies der Stoff für die technische und auch künstlerische Produktion.

Johannes Senf                                                                                                                                                                                                Köln 1996
ALCHEMIE ELEMENT KUPFER
ALCHEMIE - ELEMENT KUPFER
1997; Kremepigmente, Acrylat, Cansonbütten; 36teilig, je 29 x 29 cm
DEN ZEICHEN AUF DER SPUR

 

Johannes Senf untersucht und vergleicht in seinen Arbeiten auf Papier abstrakte Zeichen- und Kommunikationssysteme des Menschen. Das Spektrum reicht dabei von archaischen Besitz- und Familienzeichen aus Steinzeit und Mittelalter bis hin zu modernen Computerflußdiagrammen. Zeichen existieren in allen Kulturen und Zeiten und ihre Funktion geht seit jeher über die Vermittlung eines bestimmten Bedeutungs- oder Informationsgehalts hinaus. Aufgrund der Tatsache, daß jedes Zeichen auf etwas verweist, ist es Teil einer elementaren Kommunikationsstruktur. Dazu bedarf es jedoch der Kenntnis eines bestimmten kulturellen oder fachlichen Codes, der in der Regel auf Konvention beruht. Ohne ihn bleibt das Zeichen abstrakt und inhaltsleer. Aus diesem Wesenszug ergibt sich jedoch eine weitere Erfahrungsdimension: Ein Zeichen kann immer auch aus formal- ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet und auf seine graphische Qualität hin geprüft werden.

Fasziniert von der Fülle chinesischer Schriftzeichen im Stadtbild von Hongkong, kam Johannes Senf die Idee, sich dem Thema künstlerisch zu nähern. Seitdem forsch er mit archäologischem Gespür nach Zeichensystemen aller Art: Alphabete aus fremden Kulturen, Zeichen aus Handwerk, Technik, Elektronik, Bergbau, Schiffahrt, Meteorologie usw. Dabei schließt er Symbole, Signale und Piktogramme von vornherein aus, da sie vornehmlich bildlich geprägt sind. Ihn interessieren vor allem sprachliche Zeichen, da sie per se über einen hohen Abstraktionsgrad verfügen und sich oftmals auf geometrische Grundformen reduzieren lassen. So bilden alte Schriftzeichen einen Themenschwerpunkt seiner umfassenden Werkserien, etwa die 24teilige Buchstabenschrift der Phönizier oder die 22 Tafeln umfassende Hebräische Qudratschrift. Weitere Werkserien zeigen mittelalterliche Besitz- und Familienzeichen, nomadische Brandzeichen für Tiere oder auch eine Auswahl verschiedener Trigramme des I-Ging.Johannes Senf interessiert nicht in erster Linie der spezifische Bedeutungsgehalt von Zeichen, sondern vielmehr das Wesen einer allgemeinen Zeichenkultur. Er entlehnt die grundlegenden Strukturen und unterwirft sie einer künstlerischen Umgestaltung. Dabei sind Abweichende von den Vorbildern programmatisch. Er versucht keine direkte Übertragung im Sinne einer Kopie, sondern bemüht sich um eine größtmögliche Objektivierung von Sprachzeichen, womit er gleichzeitig einen weiteren Abstraktionsgrad schafft. Um verschiedene Zeichensysteme zu untersuchen und zu vergleichen, müssen annähernd gleiche Voraussetzungen vorliegen. Aus diesem Grund hat er bestimmte konzeptuelle Vorgaben entwickelt, die er selbst in Anlehnung an naturwissenschaftliche Untersuchungen als "Versuchsanordnung" bezeichnet. Dazu zählt er vier Rahmenbedingungen:

1. Das Trägermaterial ist immer Papier
2. Das Grundformat ist ein Quadrat
3. Die Linienstärke eines Zeichens ist konstant
4. Mehrere Linien des Zeichens stoßen an den Rand.

Für das Material Papier hat sich der Künstler aufgrund des engen Bezugs zur Schrift entschieden; es ist der klassische Träger für Schriftzeichen. Das Quadrat steht als eine der drei geometrischen Grundformen für das Irdische und verkörpert Unwandelbarkeit und Ruhe. Auf ihm kann sich das Zeichen individuell entfalten. Die gleichmäßige Linienstärke trägt zu einer stärkeren Flächigkeit und weiteren Reduzierung der Form bei. Durch das Anstoßen der Linien an den Rand wird der gesamte Bildraum in Anspruch genommen. Das Zeichen verhält sich auf diese Weise stark korrelativ zu den Nachbararbeiten und tritt in seiner Außenkontur offensiv in den physischen Umraum hinaus.Johannes Senf schafft immer Werkgruppen. Dabei wird die Anzahl der Einzelblätter von dem zugrundeliegenden Zeichensystem vorgegeben. Jedes Einzelblatt lebt von der Spannung eines malerischen – bewegten Grundes und dem exakt gesetzten, monochromen Zeichen. Der Farbauftrag der Grundfläche erfolgt in mehreren verschiedenfarbigen Acryl-Lasuren. Dadurch, daß der bewegte Pinselduktus sichtbar bleibt und sich die differenzierte Farbigkeit in verschiedenen Nuancen und Abstufungen zeigt, entsteht ein spannendes Wechselspiel zwischen einem malerisch- rhythmisierten Grund und einem exakt konturierten Zeichen. Neben einer klaren Formensprache bedient sich Senf auch immer einer spezifischen Farbsprache, die – je nach Wahl des Zeichensystems – inhaltliche, kulturelle oder assoziative Verbindung eingeht. Auf diese Weise entsteht eine große stilistische Homogenität, welche die Zusammengehörigkeit einer Werkserie kenntlich macht.

Ein wesentliches Moment der Papierarbeiten ist ihr Bezug zum Raum. Der Künstler verwendet einen starken Aquarellkarton, den er auf einen quadratischen Träger aufzieht und der kleiner als das Blattformat ist. Dies führt dazu, daß die Papierkanten freistehen uns sich klimatisch mit Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit verändern. Durch den Abstand zur Wand verlieren die Arbeiten an Objekthaftigkeit und scheinen bei längerer Betrachtung vor der Wandfläche zu schweben. Sie verlassen die zweidimensionale Fläche und beginnen in den Raum auszugreifen. Durch die Präsentation mehrere Arbeiten in Form von Werkgruppen entstehen zudem differenzierte Form- und farbsprachliche Bezüge und Korrespondenzen.

Die vorliegende Werkserie – eine Auswahl alchimistischer Zeichen für Kupfer – ist eigens für die Ausstellung bei Felten & Guilleaume entwickelt worden. Die Brücke zu dem Mülheimer Energietechnikkonzern läßt sich dabei über die Produktion von Hochenergiekabeln schlagen, da sie zum wesentlichen Teil aus Kupfer gefertigt werden. Das rötlich glänzende, weiche und sehr dehnbare Schwermetall ist nach Silber der beste Strom- und Wärmeleiter. Es gehört neben Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei, Quecksilber zu den sieben klassischen Metallen und wird in der Alchimie dem Planeten Venus zugeordnet. Die ausgestellte Werkgruppe zeigt lediglich einen Teil de heute annähernd 50 bekannten alchimistischen Zeichen für Kupfer. Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Ländern, zum Teil waren es auch Geheimzeichen. Auf einem mehrschichtigen Farbgrund, bei dem Preußischblau vorherrscht, sind mit Kupferpigment die alchimistischen Zeichen gesetzt; metallig – glänzend heben sie sich von dem durchlässigen Blaugrund ab, bei dem sich die Assoziation von Wasser und Tiefe einstellt.

Die Arbeiten von Johannes Senf bewegen sich immer zwischen Abstraktion und Konkretion – sie können sowohl gelesen als auch geschaut werden. Wer den Code besitzt, kann die Zeichen deuten; der Nicht- Eingeweihte konzentriert sich verstärkt auf optische Wahrnehmung. Dabei tut sich ein Paradox auf: Wer das Zeichen entschlüsseln kann, fällt gleichzeitig aus der Unschuld der reinen Anschauung heraus, denn er kann die inhaltliche Dimension nicht einfach ignorieren. Die Zeichentafeln markieren eben jene Gratwanderung zwischen intellektueller und visueller Erfahrung.


Maria Tappeiner                                                                                                                                                                                              Köln 1997
AUSTELLUNG FELTEN & GUILLEAUME AG KÖLN
AUSTELLUNG FELTEN & GUILLEAUME AG KÖLN

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